Auf Herausforderungen reagieren: Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Arbeitsbedingungen im Kakaoanbau


Die strukturellen Begebenheiten im Kakaoanbau machen das Erzeugnis einzigartig vor allem im Vergleich zu anderen Rohstoffen. Der überwiegende Anteil der Erzeuger bewirtschaftet verhältnismäßig kleine Flächen von zwei bis sieben Hektar, deren Ertrag die wirtschaftliche Grundlage der Ernährung der bis zu achtköpfigen Familien dienen muss. In diesen Familienstrukturen ist es üblich, dass auch Kinder beim Kakaoanbau mithelfen. Die Herausforderungen bis zur Etablierung nachhaltiger Anbaupraktiken sind im Kakaosektor immens: veraltete Baumbestände, fehlendes Fachwissen zur Bewirtschaftung von Farmen, der richtige Umgang mit Pflanzenschutzmitteln, zum Teil fehlender Infrastruktur wie zum Beispiel Straßen, um nur einige zu nennen. Auch der Klimawandel wirkt sich unmittelbar auf die Arbeit und die Erträge von Kakaobauern aus.

Die deutsche Schokoladenindustrie fördert seit Jahren nachhaltige Anbaumethoden. Die Unterstützung von Projekten für eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Kakaobauern ist Ausdruck der sozialen Verantwortung der deutschen Schokoladenhersteller und sichert langfristig die Versorgung mit qualitativ hochwertigem Kakao.

Eine typische Kakaofarm in Westafrika: Gerade einmal drei Hektar landwirtschaftliche Fläche müssen eine durchschnittlich achtköpfige Familie ernähren. Die Kinder werden früh bei der Kakaoernte gebraucht. Je nach Alter: Mithilfe ist okay, aber gefährliche, zu schwere oder gar ausbeuterische Arbeiten müssen tabu sein. Die Baumbestände sind alt, auch weil das Geld für Verjüngung fehlt. Baumkrankheiten plagen die Farm und es fehlt an Wissen, wie Schädlinge am wirksamsten und möglichst ohne oder mit so wenig wie möglich Pflanzenschutzmitteln bekämpft werden können. Auch die Fermentation der Bohnen macht immer wieder Probleme. Insgesamt: Erträge, Qualität und Einnahmen könnten erheblich höher sein.

Gerade die Elfenbeinküste, das mit Abstand größte Kakao-Erzeugerland, hat mit einer Vielzahl von Problemen zu kämpfen. Zehn Jahre Bürgerkrieg und politische Spannungen Anfang des Jahrtausends hatten das Land weit zurückgeworfen, die Wirtschaft, das Bildungs- und Gesundheitssystem des Landes leiden bis heute darunter, auch die Infrastruktur zur Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte wie Kakao.

Herausforderungen in Westafrika

Die Bestäubung, die Pflanzenpflege, die Ernte, Fermentation und die Trocknung – die meisten Arbeitsschritte sind traditionell Handarbeit. Die zumeist kleinen Flächen und oftmals kaum zugänglichen Gebiete fernab von befestigten Straßen und Wegen erschweren den Anbau. Westafrikanische Bauern, die unter anderem Kakao anbauen, leben meist unter der Armutsgrenze, auch weil das Wissen um die Pflege der Kakaobäume und des Bodens, um Ernte und Verarbeitung oft lückenhaft ist und die Erlöse daher niedriger sind, als sie sein könnten. Auch erlösen die Bauern aufgrund der vielen Zwischenhändler nicht den Preis, den der Endabnehmer im Hafen für den Kakao bezahlt. Die Armut auf dem Land wiederum lässt vor allem junge Menschen in die Großstädte abwandern – und gerade gut ausgebildete Menschen verlassen ihr Land. Aber ohne junge Menschen, die auf dem Land eine Zukunft sehen und ohne Fachkräfte, die im Land bleiben, ist die Kakaoproduktion bedroht. Übrigens nicht nur in Westafrika: Auch die deutlich stabileren Länder Lateinamerikas, Mexiko oder Ecuador, leiden unter einer ähnlichen Entwicklung. Das aber ist kein Teufelskreislauf, sondern zeigt, wie wichtig Nachhaltigkeitsstrategien sind.

Wie müssen diese aussehen? Wer eine Perspektive auf dem Land sieht, migriert mit geringerer Wahrscheinlichkeit in die Städte. Einnahmeverbesserungen lassen sich durch eine Steigerung der Ernteerträge ebenso wie durch langfristige Lieferbeziehungen mit verhandelten Preisen erreichen. Die deutsche und internationale Schokoladenindustrie fördert Schulungsprogramme, in denen Kleinbauern lernen, wann und wie die Bäume gedüngt werden müssen, wie Krankheiten auf möglichst natürlichem Wege vorgebeugt werden kann, welcher Schädlingsbefall wann und wie bekämpft werden muss, wann und wie Bäume zurückgeschnitten und Pflanzungen verjüngt werden sollten, wann geerntet und wie fermentiert und getrocknet wird.

Deutsche Schokoladenhersteller stellen sich ihrer Verantwortung

Dieses Wissen steigert die Erträge, die Qualität der Bohnen und damit die Erlöse. Gleichzeitig erlauben es Mikrokreditprogramme den Kleinbauern, in verbesserte Technik oder in die Gründung von Kooperativen zu investieren. Das gemeinsame Engagement der Bauern in Kooperativen stärkt die Bauern. Die Hersteller setzen vermehrt auf langfristige Lieferbeziehungen und die Rückverfolgbarkeit in der Kakaolieferkette, damit sie wissen, von wem der Kakao angebaut und geliefert wird, und Unterstützung konkret ansetzen kann.

Die Hersteller in Deutschland, die mit über 400.000 Tonnen Kakaobohnen pro Jahr allein ein Zehntel der Weltkakaoernte verarbeiten, haben ein natürliches Interesse daran, dass in Zukunft die bisherigen Ernteerträge nicht nur gehalten, sondern bei einer erwartet wachsenden Nachfrage noch gesteigert werden können. Das wird, gerade in Zeiten des Klimawandels, nur gelingen, wenn gleichzeitig die sozialen, ökologischen und ökonomischen Bedingungen verbessert werden. All das bedeutet “nachhaltiger Kakaoanbau”.

Nachhaltig ist auf dem Vormarsch

Der Anteil nachhaltig erzeugten Kakaos in Deutschland wächst. Sein Marktanteil ist von 3 Prozent im Jahr 2011 auf 62 Prozent in 2018 gestiegen. Der Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie e. V. (BDSI) empfiehlt seinen Mitgliedern, den Anteil nachhaltig erzeugten Kakaos in hierzulande verkauften Produkten in den kommenden Jahren weiter deutlich zu erhöhen, bis auf 75 % im Jahr 2025. Das langfristige Ziel heißt sogar hundert Prozent, welches viele Hersteller schon deutlich früher erreichen wollen. Erfolgreiche Nachhaltigkeitsinitiativen und -standards gibt es heute schon.

Mit allen wichtigen Standards werden die Einhaltung des Verbots von Kinder- und Zwangsarbeit, die Einhaltung von Arbeitsstandards, sowie ein nachhaltiger Einsatz von Ressourcen und der Walderhalt kontrolliert. Das nachhaltige Wirtschaften der Bauern wird eingefordert. Am bekanntesten sind Fairtrade-, Rainforest Alliance- und UTZ-zertifizierte Schokoladen und Kakaoprodukte. Diese Standards sind ein wichtiges Werkzeug zur regelmäßigen Überprüfung der dort beschriebenen Anforderungen für eine nachhaltige Entwicklung. Die Labels dokumentieren diese Überprüfung. Dabei setzen die Labels unterschiedliche Schwerpunkte. Bio-Labels verbieten zum Beispiel komplett den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Insektiziden. Andere Zertifikate und Initiativen erlauben “Integrierten Pflanzenschutz“ und lassen den Einsatz bestimmter chemischer Pflanzenschutzmittel zu, sofern ihr Einsatz unumgänglich ist, zum Beispiel um die flächendeckende Ausbreitung von Pflanzenerkrankungen zu verhindern. Die Rainforest Alliance und UTZ (Januar 2018 fusioniert) setzen die Schwerpunkte ihrers Systems auf den Erhalt der Artenvielfalt, für nachhaltig gesicherte Lebensbedingungen durch veränderte Landnutzung, sozial verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln und werteorientiertes Verbraucherverhalten. Das bekannteste Siegel ist Fairtrade. Das größte Anliegen von Fairtrade ist es, die wirtschaftliche, ökologische und soziale Situation der Farmer vor Ort durch gerechtere Handelsbeziehungen auf Dauer zu verbessern.

Forum Nachhaltiger Kakao

Frau neben einem Kakaobaum mit einer Kakaofrucht

Im Jahr 2012 gründete der BDSI zusammen mit der Bundesregierung (Bundesministerien für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) sowie für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), dem Lebensmittelhandel (BVLH) und der Zivilgesellschaft (Gewerkschaft, Zivilgesellschaft, wie z.B. die NGO Südwind) das Forum Nachhaltiger Kakao.

Es ist der Zusammenschluss von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Akteuren und der Politik mit dem Ziel, dass alle, die an der Herstellung und Vermarktung des Rohkakaos beteiligt sind – vom Anbau in den Ursprungsländern bis zum Schokoladenprodukt im Regal – zusammen an Lösungen arbeiten, um die Lebensbedingungen der Kakaobauern und ihrer Familien zu verbessern, die natürlichen Ressourcen in den Anbauländern zu schonen und den Anbau und die Vermarktung nachhaltig erzeugten Kakaos zu erhöhen. Die Fortschritte aller beteiligten Akteure zur Erreichung der gemeinsamen Ziele werden regelmäßig im Rahmen des Kakaoforums dokumentiert. Nur drei Jahre nach der Gründung, im Jahr 2015, zeichnete die Bundesregierung das Forum Nachhaltiger Kakao als Leuchtturmprojekt der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie für 2016 aus. 2017 erhielt das Forum den ZEIT Wissen-Preis „Mut zur Nachhaltigkeit“ (Kategorie Handeln).

Im Jahr 2015 initiierte des Kakaoforums das Projekt “PRO-PLANTEURS” und unterstützt seitdem in der Elfenbeinküste 20.000 Kakao produzierende Familienbetriebe und deren Kooperativen durch Schulungen und direkte Beratung. Das Projekt fördert die Diversifizierung des Anbaus als Teil nachhaltiger Anbaumethoden, es wendet sich insbesondere an Frauen und an junge Kakaobauern und -bäuerinnen und unterstützt über Dialog- und Lernplattformen die Verbreitung erfolgreicher Anbauerfahrungen und -techniken. Finanziert wird das Projekt zu gleichen Teilen vom Forum Nachhaltiger Kakao (und damit auch den darin zusammengeschlossenen Schokoladenherstellern), der Bundesregierung und der ivorischen Regierung. PRO-PLANTEURS zeigt beispielhaft, welche Akteure – Industrie, Einzelhandel, Regierungen und Zivilgesellschaft im Norden, und Produzenten und Regierungen im Süden – zusammengebracht werden müssen, um Nachhaltigkeit in der Kakaoproduktion weltweit zum Standard machen zu können.